Joseph und seine Brüder

„Joseph sagte zu seinen Brüdern: ‚Kommt doch näher zu mir!‘ Da gingen sie näher zu ihm. Er sagte: ‚Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt! Aber jetzt seid nicht bekümmert und macht euch keine Vorwürfe darüber, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn Gott hat mich vor euch hergesandt, um Leben zu erhalten.‘“ (1. Mose 45,4–5)

Joseph wurde von seinen Brüdern verkauft. Er hätte allen Grund gehabt, ihnen gegenüber zornig zu sein, und dennoch vergab er ihnen. Im Rückblick auf seinen Lebensweg erkannte er die Wahrheit, die auch wir in der Lehre des Heidelberger Katechismus bekennen: „Was immer für ein Übel er mir in diesem Jammertal zuschickt, wendet er zu meinem Besten, weil er es als ein allmächtiger Gott tun kann und als ein treuer Vater auch tun will.“ (Heidelberger Katechismus, Frage 26)

Trotz all des Bösen und der Ungerechtigkeit, die Joseph widerfahren waren, wirkte Gott zu seinem Besten und zur Rettung vieler Menschenleben. Deshalb konnte Josephs Herz nicht von Hass, sondern von Dankbarkeit und Vergebung erfüllt sein. Seine Brüder konnten dies nicht wissen. Vielleicht hofften sie nicht einmal darauf, dass ihr Bruder ihnen jemals vergeben würde. Gottes Wege sind tatsächlich unergründlich. Und Joseph vergab ihnen.

Es gibt eine Geschichte über Vergebung, die häufig als eine aus Afrika stammende Geschichte erzählt wird. Der Geschichte zufolge wird in einem südafrikanischen Stamm jemand, der ungerecht oder unbedacht gehandelt hat, in die Mitte des Dorfes gestellt. Niemand hindert ihn jedoch daran, wegzugehen. Die Dorfbewohner unterbrechen ihre Arbeit und versammeln sich um die beschuldigte Person. Danach beginnt jeder Einzelne, unabhängig vom Alter, die guten Eigenschaften und guten Taten dieses Menschen aufzuzählen. Sie erinnern sich ausführlich an alles, was ihnen über diesen Menschen in Erinnerung geblieben ist. Alle seine guten Eigenschaften, guten Taten, Stärken und freundlichen Handlungen werden genannt. Jedes Mitglied des Kreises nimmt diese Aufgabe sehr ernst. Die Geschichten aus dem Leben des Betreffenden werden mit größtmöglicher Aufrichtigkeit und Liebe erzählt. Niemand darf die Ereignisse übertreiben oder Geschichten erfinden. Niemand darf leichtfertig oder spöttisch sprechen. Der Geschichte zufolge wird dieses Ritual so lange fortgesetzt, bis jeder Bewohner des Dorfes gesagt hat, warum er den Betreffenden als wertvolles und angesehenes Mitglied der Gemeinschaft betrachtet. Schließlich öffnet sich der Kreis, und die Mitglieder des Stammes heißen den Menschen mit Freude wieder in der Gemeinschaft willkommen.

Wenn wir andere mit Liebe betrachten, fällt es uns leichter, einander zu vergeben. Vielleicht denken wir jetzt an Menschen, die uns etwas Böses angetan haben. Haben wir genügend Liebe und Bereitschaft, ihnen aus der Gnade Gottes zu vergeben? Amen.

GEBET: Guter Vater, ich weiß, dass ich Dich oft und auf vielfältige Weise verletzt habe. Ich bin dankbar, dass Du uns aus Deiner Gnade unsere Sünden vergibst. Schenke uns, dass auch wir von Herzen denen vergeben können, die gegen uns gesündigt haben! Amen.

Sebestyén Elek Előd